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Mar 26

/ nic.at News - 26.03.2020 09:52
Der "am besten vernetzte Mensch der Welt": Die totale Selbstüberwachung

Chris Dancy wird als „Most Connected Man on Earth“ bezeichnet. Warum er „Digital Detox“ für eine Lüge hält und regelmäßig sein Smartphone tauscht, erzählte er uns auf dem Domain pulse in Innsbruck.

2008 war kein gutes Jahr für Chris Dancy. Er war übergewichtig, rauchte und bewegte sich zu wenig. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend. Der US-Amerikaner fand eine ungewöhnliche Methode, diese Probleme anzugehen: Er digitalisierte seine komplette Krankenakte und vernetzte sich. Nach und nach legte er sich mehr Geräte und Apps zu, um seine Lebensqualität zu verbessern. Körperlich und geistig, wie er betont. Heute nutzt der 51-Jährige über 700 Geräte und Funktionen, um seine Aktivitäten und Körpervorgänge zu messen, zu analysieren und zu optimieren. Das fängt bei der täglichen Kalorienaufnahme an und endet bei seinem Wohlbefinden. Sein Gesundheitszustand habe sich dadurch deutlich verbessert. Dancy gliedert seine Daten in drei Bereiche: Der erste Bereich zeigt ihm, wann er welche Geräte nutzt. Ein Programm zeichnet auf, wie viel Zeit er mit Apps verbringt, wann er arbeitet oder unproduktive Zeit hat. Im zweiten Bereich nimmt er Informationen über seine Gesundheit auf. Er erfasst seine Aktivität, Schlaf und Ernährung. In seinem Kopfkissen ist beispielsweise ein Sensor eingebaut, der Geräusche und Bewegungen in der Nacht aufzeichnet. Zudem misst er, ob er glücklich ist. Fast all seine Daten veröffentlicht Dancy auf seiner Homepage www.chrisdancy.com. Die mangelnde Privatsphäre stört ihn nicht.

Sie nennen sich „Mindful Cyborg“. Was kann man darunter verstehen?
Dancy: Ich kombiniere damit zwei große Trends der vergangenen Jahre: Achtsamkeit und Technologie. Ich habe Reminder auf meinem Smartphone, die mich daran erinnern, gut zu mir zu sein. So bekomme ich beispielsweise die Nachricht: „Positive Energie existiert genauso wie Schwerkraft“. So findet man innere Ruhe und Gesundheit.

Verlässt man sich damit nicht zu viel auf sein Smartphone und verlernt, selbst in sich hineinzuhören?
Dancy: Nein, es geht nicht darum, sich auf die Technologie zu verlassen. Es geht darum, dass mich diese Technik bei Dingen, die mir wichtig sind, unterstützt.

Es gibt den Trend „Digital Detox“, also der temporäre Verzicht auf digitale Hilfsmittel. Was halten Sie davon?
Dancy: Man behauptet, dass „Digital Detox“ Stress reduziert und dass Menschen, die weniger Zeit mit ihren Geräten verbringen, sich besser fühlen. Das ist eine Lüge. Menschen, die ihre Geräte nicht nutzen, denken umso mehr an ihre Smartphones. Das ist dann neuer Stress. Es muss eine gesunde Balance geben, das ist viel wichtiger. Von dieser Technologiescham, die es oft gibt, halte ich nichts.

Was meinen Sie mit Technologiescham?
Dancy: Heute wird einem suggeriert, dass man sich schlecht fühlen muss, wenn man Technik nutzt. Manche gehen ins Badezimmer, um ihre Nachrichten zu checken. Damit bringt man Kindern bei, dass Technologie unsicher und gefährlich ist. Dabei könnten die meisten Menschen ohne diese Technik nicht arbeiten oder mit ihrer Familie kommunizieren, wenn sie reisen. Man darf nicht nur die negativen Seiten betrachten. Für mich ist Technologie Magie, mit so vielen Chancen. Es ist viel wichtiger, jungen Menschen mehr über Daten und Apps beizubringen. Das wird zu wenig gemacht.

Sie veröffentlichen fast alle Daten von sich auf ihrer Homepage. Wie halten Sie es im Privaten mit dem Austausch von Daten?
Dancy: Datenschutz ist ein soziales Konstrukt. Es ist eine Illusion, dass man die Kontrolle über Daten hat. Mit meinem Partner tausche ich am Wochenende immer wieder das Smartphone, er schaut meine Nachrichten an, antwortet auf diese und umgekehrt. Es bringt uns dem anderen näher und zeigt, wie der andere tickt.


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